Der Weg nach Sibirien

– Andi`s View –

So sehr wir uns nach Wochen der Gobi wieder nach Zivilisation gesehnt hatten, es dauerte nicht lang, bis wir genug von Großstadt hatten.
Chaos, Schmutz, Menschenmassen und am allerschlimmsten, dieser Smog und dessen beißender Geruch nach Kohle, welcher die Stadt in einen stetig grau-schwarzen Schleier hüllt.
Für uns war klar, lange werden wir hier nicht verweilen.
Also am Besten unsere Erledigungen schnellstmöglich abhaken und auf direktem Weg zurück in die Natur.

  1. Vorräte auffüllen.
  2. Mit Geronimo in die Werkstatt, da die Bremskolben gängig gemacht werden mussten.
  3. Ein Gesundheitszeugnis für Baku besorgen, damit es am bevorstehenden Grenzübergang nach Russland wie geschmiert läuft.
  4. Ein paar Attraktionen besichtigen, welche wir bei unserem ersten Besuch in der Stadt ausgelassen hatten.

Mehr gab es nicht zu tun und so hatten wir 5 Tage später alles erledigt und konnten uns auf den Weg Richtung Russland machen.

Es tat gut die Stadt hinter sich zu lassen und auf einen neuen Abschnitt unserer Reise zuzusteuern. Trotz dieser positiven Gefühle gab es einen wesentlichen, schwerfälligen Gedanken, welcher seit Wochen stets in unseren Köpfen ist.

Wie überstehen wir den Winter?
Wo werden wir sein?

Ich meine klar, wir steuern gerade auf Russland zu und es steht fest, dass wir irgendwo in Sibirien landen werden. Aber schaffen wir es, den Winter in Geronimo zu verbleiben oder müssen wir auf einen anderen „Wohnsitz“ ausweichen?

Das quälte uns schon seit Wochen. Je kälter es wurde, desto bewusster wurde uns die Situation. Dennoch, wie Overlander ebenso sind, recht planlos und spontan, versuchten wir das Ganze so lange wie möglich hinauszuzögern.

Unser nächstes Ziel war der Hustai Nationalpark. Weiter wollten wir nicht planen und was danach kommt werden wir sehen.
Der Hustai Nationalpark liegt etwas westlich von Ulaanbaatar, liegt nicht auf dem Weg nach Russland und bedeutet somit einen Umweg von rund 200km für uns. Warum wir den Park nicht schon früher besucht hatten, lag auf der Hand. Wir hatten auf unserem Weg nach Ulaanbaatar diesen zwar passiert, auf Grund der Tatsache, dass wir zum damaligen Zeitpunkt noch nicht wussten, ob unsere Visa verlängert werden, entschlossen wir uns diesen jedoch auszulassen. Die Gobi hatte absolute Priorität.

Der Hustai Nationalpark wurde also das Opfer des Faktors Zeit. Eine Tatsache, die uns mittlerweile eigentlich völlig widerstrebt, denn Reisen bedeutet Zeit zu haben bzw. sich diese zu nehmen. Denn nur dann kann man, in unseren Augen, von Reisen sprechen.
Um so mehr freuten wir uns nun auf den Besuch des Nationalparks. Denn schlussendlich hatten wir nun, mit 60 Tagen Aufenthalt, genügend Zeit.

Der Nationalpark liegt, wie schon gesagt, etwas westlich der Hauptstadt und erstreckt sich auf rund 50.000 Hektar.
Das Landschaftsbild ist geprägt von trockener Steppe, Gebirgsketten, Tälern, Flüssen, Wäldern, wilden Gräsern und einer weltweit einzigartigen Fauna.
Etwa 130 Vogelarten, sibirische Wapitis, Mongoleigazellen, sibirische Steinböcke, Riesenwildschafe (Argalis) und viele weitere Arten tummeln sich hier.
Der eigentliche Grund für unseren Besuch waren aber die Przewalski-Urwildpferde.
1992 hatte man hier einen einzigartigen Versuch gestartet dieses Urtier wieder anzusiedeln und war damit erfolgreich. Mittlerweile gibt es einen Bestand von etwa 200 Tieren. Das ist weltweit einzigartig und macht den Besuch des Hustai Nationalparks zu einem echten Highlight.
Sabi war unendlich glücklich, denn ihr wisst ja, sie mag Pferdefotos 😀

Es heißt man muss Glück haben die Tiere im Park anzutreffen, denn sie seien sehr scheu.
Vielleicht war es der Tatsache geschuldet, dass wir quasi die einzigen in der Gegend waren oder wir einfach gutes Karma haben. Wer weiß das schon. Wir haben reichlich dieser Tiere gesehen und selbst ich, als nicht allzu großer Pferdefan war sehr davon beindruckt!
Der Mensch schuf es und nun lässt er die Finger davon. So soll das sein…
Nach 3 Tagen fand unser Besuch ein Ende. Länger durften wir uns dort nicht aufhalten und mussten uns beim Manager des Parks wieder abmelden.

Wir machten uns also auf den Weg zurück Richtung Ulaanbaatar und schlugen gen Norden ein. Etwa 400km trennten uns noch von der russischen Grenze.

Eines Nachts, irgendwo auf dem Weg nach Russland…

In der Luft liegt Dieselgeruch. Und zwar so penetrant, dass man davon aufwacht.
Ein Blick auf die Uhr.
03.55 Uhr…noch lange nicht Zeit aufzustehen.
Sabi liegt auch schon wach neben mir.
Schnell ist uns klar, der Geruch hat was mit unserer Standheizung zu tun.
Ich packe mich also warm ein, draußen um die minus 25°C, und werfe einen Blick unter Geronimo.
Ungewöhnlich dichter, weißer und stinkender Rauch kommt aus dem Abgasrohr der Heizung. Das war für mich aber noch kein Grund zur Besorgnis. Die Situation schien klar zu sein. Der Wind hatte gedreht und der Rauch trieb die Abgase unter Geronimo hindurch, hoch an den Hecktüren. So kam also der beißende Geruch zu Stande, welcher sich durch die Dichtungen der Türen schlich.

Schnell wieder ins warme Bett…
Tür zu…
Klamotten aus…

Keine 10 Minuten später wurde es spürbar kälter im Inneren.
5 weitere Minuten später ging das Gebläse der Heizung aus.
Es schien also doch nicht alles in Ordnung zu sein.
Nach mehrmaligen Startversuchen der Heizung war klar, da geht nichts mehr.

Was nun?
Bei minus 25 °C Außentemperatur und einer nicht funktionierenden Heizung.
Klar, umgehend den Motor starten.
Erster Versuch…kommt nicht.
Zweiter Versuch…immer noch nichts.
Zum dritten Versuch kam es nicht mehr, denn die Batterien waren platt.

Und jetzt?
Bei minus 25°C, keine Heizung und kein laufender Motor.
Von Minute zu Minute sank die Temperatur im Innenraum ab.
Sollen wir uns auf den Weg in Richtung Stadt machen?
Die Nacht in einem Hotel oder Motel verbringen?
Sollen wir versuchen Hilfe an der Straße zu holen, hoffen, dass nachts jemand unterwegs ist?
Es sind sehr viele Gedanken, welche einem in solch einer Situation in den Kopf schießen. Von einer auf die andere Sekunde ist man wach, hellwach.
„Sabi, ich glaube wir müssen hier und heute erfrieren“, das waren einer meiner Worte.

Ich war also soweit 😀
Wie schon zuletzt im Ice Canyon war ich wieder an einem Punkt angelangt, an welchem ich kein Weiterkommen sah.
Und dann kam Sabi…
Wie immer in diesen Momenten kann man sich auf sie und ihre Motivation etwas zu schaffen, einfach durchzuhalten, verlassen.
Es schien als hätte sie einen Plan.
Sämtliche Schlafsäcke und Decken wurden herausgekramt, Wärmflaschen wurden gemacht, Kerzen angezündet und der Gaskocher wurde auf die höchste Stufe gestellt.
Und in der Tat. Es funktionierte.
Wir konnten die Raumtemperatur auf „angenehme“ 8°C halten und überstanden die letzten Stunden bis die Sonne sich zeigte und das Fahrzeug zusätzlich erwärmte.

Und was war nun eigentlich das Problem?
Wir hatten den falschen Diesel getankt bzw. eine der wenigen Tankstellen erwischt, dessen Tanks noch nicht mit Winterdiesel gefüllt waren. Bei diesen Temperaturen passiert es dann, dass der Sprit „sulzig“ wird. Das bedeutet es bilden sich sogenannte Paraffinkristalle, der Brennstoff wird zähflüssig und kommt nicht mehr durch die Leitung. Die Heizung hatte schlichtweg keinen Sprit mehr bekommen.
Als die Sonne die Temperaturen wieder auf minus 10°C angehoben hatte, klappte das Heizen auch wieder.

Jetzt hatten wir nur das Problem, dass ja unserer Starterbatterien leer waren.
Unser Plan…abwarten.

Man kann sich eigentlich immer darauf verlassen, dass ein neugieriger Hirte vorbeikommt. Wir hatten auch nicht wirklich eine andere Wahl, da wir sowohl vom nächsten Dorf als auch der Hauptstraße einige Kilometer entfernt waren.
Gegen frühen Nachmittag war es dann tatsächlich so, dass ein Hirte auf seinem Pony vorbeikam. Erst sehr interessiert, dann sehr engagiert uns zu helfen, war es überhaupt kein Problem ihm klar zu machen, was das Problem sei. Er sprang auf sein Pony und ritt über den Hügel davon. Versprochen hatte er, mit Hilfe zurückzukommen.
Nach einer weiteren Stunde kam er, zusammen mit einem Freund und einem kleinen Transporter.
Zu keiner Sekunde hatte ich an seinem Versprechen gezweifelt. Auch wenn es ein wildfremder Mensch ist. Hier steht man zu seinem Wort und jemandem zu helfen ist eine Selbstverständlichkeit.

Mensch sein und sozial sein. Das sollten wir in unserer Gesellschaft auch wieder mit größter Priorität behandeln. Könnte einiges verbessern!
Klar auch hier, gibt es geldgierige, welche alles nur machen um dadurch einen eigenen Vorteil zu bekommen, wie etwa unser Helfer im Ice Canyon. Generell haben wir aber die Erfahrung gemacht, sofern man an das Gute im Menschen glaubt, mehr Menschlichkeit zu erfahren.
Enttäuschungen gibt es immer.
Das ist klar.
Man sollte dabei aber nicht den Fehler machen negativ erlebte Erfahrungen auf Andere zu projizieren.
Jeder hat eine Chance verdient!

Nachdem sie uns erfolgreich angeschleppt hatten, bedankten wir uns bei den Beiden mit einer Flasche „Chinggis Vodka“ und einer herzlichen Umarmung. Eine Einladung zum Essen schlugen wir aber leider aus, denn wir waren einfach zu sehr geschafft und mussten auch noch etwas Strecke hinter uns bringen.

Nach Altanbulag waren es noch rund 160km. Die Grenzstadt, in welcher wir nach Russland einfahren wollten.
Am selben Tag schafften wir noch zirka 30 Kilometer bevor es dunkel wurde, tankten Winterdiesel und stellten uns an den Rand der Stadt Darchan. Schön in der Nähe von Zivilisation 😉

Am Nächsten sah die Welt dann schon ganz anders aus…
Die Heizung hatte funktioniert und Geronimo sprang ohne Probleme an.

Russland wir kommen!
Sibirien wartet!
Immer mit dem Gedanken „How to survive the winter“ im Gepäck…

2 Kommentare
  1. Andre says:

    Wunderbar geschrieben – wie immer! Ich will jetzt aber nicht sagen das einem warm ums Herz wird….;-)
    Schon seltsam wie es dort aussieht: keine Stromkabel, kaum Strassen und noch weniger Häuser.
    Dabei ist es die Erde wie Sie wirklich ist!

    Antworten
    • Andi says:

      Danke 🙂
      Ja, es ist schön die Erde quasi in ihrer Urform zu sehen 😉
      Aber glaub mir, wenn du ein Foto machen willst, du hast das Motiv vor dir, dann hast du immer eine 80%-ige Chance, dass ein Strommast die Sicht versperrt 😀

      Antworten

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