Im Land des blauen Himmels

– Sabi`s View –

Es ist 7.30.
Unser Wecker klingelt.
Geschlafen hab ich schon lange nicht mehr.
Irgendwann in der Nacht hat sich nämlich ein Auto direkt hinter uns gestellt und seinen Motor fortwährend laufen lassen.
Verständlich, immerhin wird es in den Nächten seit einigen Wochen schon sehr kalt.
Den Schlaf hatte es mir trotzdem geraubt.

Als wir aufstanden bemerkten wir, dass der BMW hinter uns ein Regensburger Kennzeichen hatte. (Klar, die ersten in der Schlange sind natürlich die Deutschen 😀 )
Ein junger Kerl saß drin, welcher, weil er mittlerweile in Russland lebt, alle 6 Monate einmal mit seinem Auto und Anhänger über die Grenze und zurück muss, um es weiterhin in Russland fahren zu können.
600 km zur Grenze. Raus aus Russland, rein in die Mongolei. Und wieder retour.
Klingt nach Spaß!
Vor allem, weil wir von unglaublichen Wartezeiten an dieser Grenze gehört hatten.
Auf hat sie von 9 bis 17 Uhr. 12 bis 14 ist Mittagspause. Und Sonn- und Feiertags ist geschlossen.
Passieren tut dort also auch nicht viel. 😀

Wir hatten uns somit darauf vorbereitet irgendwann abends, auf der anderen Seite rauszukommen.
Wenn überhaupt.
Immerhin hatten wir beide noch die Polizeikontrolle, vom zweiten Tag in Russland im Kopf.
Wir dürften das Auto mit unserem Führerschein nicht fahren‘ hieß es dort, denn das Zolldokument, welches beim Grenzübergang anscheinend falsch ausgestellt wurde, sorgte bei den Beamten für Verwirrung.
Sie versuchten uns deshalb ‚wegen Fahren ohne Führerscheins‘ eine Geldstrafe abzuknöpfen.
Nach einer halben Stunde blöd stellen und ‚nix verstehen’ unsererseits, gaben sie allerdings auf und ließen uns passieren.
Nun hofften wir aber, dass es beim Grenzübergang deswegen keine Probleme geben würde.

Um Punkt 9, wer hätte das gedacht, öffneten sich die Pforten.
Wir fuhren hinein.
Andi musste aussteigen und mit seinem Ausweis und den Fahrzeugpapieren zur ersten Kontrolle.
Ich wartete mit Baku im Bus.
Nach 20 Minuten wagte ich einen Blick ums Eck.
Er stand immer noch vor dem Schalter.
Mir schwante böses und ich fragte was los sei.
‚Das Programm für die Ausländer lädt nicht‘, hieß es.
Alles also hab so wild.

5 Minuten später war er durch.
Wir müssten beide zum Zoll, zur Passkontrolle, dann wurde das Auto kurz begutachtet.
Um Baku kümmert sich, mal wieder, kein Mensch.
Und nach insgesamt nicht einmal einer Stunde, waren wir auch schon wieder aus Russland raus.
Kurz und schmerzfrei.

Nun lag also nur noch ein Hindernis vor unserem Ziel: die mongolische Grenze.
Nachdem wir die 25km Niemandsland durchquert hatten, welche zwischen Russland und der Mongolei liegen, war es so weit.
Erst mussten wir Geronimo’s Reifen, für umgerechnet 1,50€, desinfizieren lassen, dann ging es durch das erste Tor.
Wieder wurden er und wir kurz ‚unter die Lupe‘ genommen und wieder wurde Baku ignoriert.
Eine halbe Stunde später, waren wir auch hier fertig und durften das zweite Tor durchqueren…

Ohne lange zu warten, ohne Komplikationen, ohne Stress…
Wir waren durch! Wir waren wirklich durch!
Bzw. drin!
7 Monate, 2 Wochen und gute 18.000km später, hatten wir es geschafft!
Man… dieses Gefühl!
So ein Gefühl hatten wir auf der ganzen Reise noch nicht verspürt!
Es war Erleichterung, Freude, Vorfreude, Stolz, Abenteuerlust, Zufriedenheit… alles in Einem!

Ja, wir waren endlich im ‚Land des blauen Himmels‘ angekommen (auch wenn dieser sich die ersten Tage nicht blicken lies) und konnten es kaum erwarten alles zu erkunden und uns in neue Abenteuer zu stürzen!

Das, allerdings erst nach der Mittagspause…
Zuallererst mussten wir die Ereignisse nämlich etwas sacken lassen!
Ausserdem quälte uns auch ein moads Hunger, hatten wir doch vor Aufregung heute noch nichts gefrühstückt. 😀

Etwas gefangen und mit gut gefülltem Bauch, machten wir uns kurze Zeit später auf Richtung Ölgii, der ersten ‚Großstadt‘, die auf unserem Weg lag.
Dort wollten wir zwei Tage später auch unser Visum um 30 Tage, also auf insgesamt 60, verlängern lassen.
Immerhin hat die Mongolei die 4 1/2 malige Größe Deutschlands und in 30 Tagen alles zu erkunden, würde vor allem bei unserer Reisegeschwindigkeit einfach nicht hinhauen.

In Ölgii schickten sie uns allerdings gleich wieder weiter.
Wir müssten für die Verlängerung in die Zentrale nach Ulaanbaatar, hieß es, die Hauptstadt der Mongolei welche 1700km entfernt lag.
Also packten wir unsere Sachen zusammen und machten uns einmal mehr auf, Richtung Osten.

Für diese 1700km brauchten wir 10 Tage.
Die Straßen gaben alles her was geht.
Von deutschen Autobahnen bis zu georgischen Passstraßen.
‚Feldwege‘ durch die Steppe über die man förmlich pesen konnte und zum 1000mal ausgebesserte und mit Schlaglöchern bespickte ‚Straßen‘, auf denen man nicht viel schneller voran kam als 10-15 km die Stunde.
Wir fuhren bergauf und bergab.
Immer irgendwo zwischen 1100 bis 2600 Höhenmetern entlang.
Vorbei an Gletschern, Seen und Flüssen…
Durch diese unglaublich malerische Landschaft der Mongolei.
Und auch das Wetter war so abwechslungsreich, wie wir es in den vergangenen Monaten nie gehabt hatten.
Von sehr milden sonnigen Tagen mit Temperaturen bis 20 Grad, bis hin zu Schneetürmen bei denen man nach einer Minute seine Finger nicht mehr spürte, war alles dabei.

Egal wie fern ab der Zivilisation wir doch unterwegs waren, wir hatten immer Gesellschaft.
Hirten und neugierige ‚Nachbarn‘, die uns von ihren Jurten und Pfaden aus der Ferne entdeckten, schauten neugierig vorbei, wenn wir Pause machten oder an einem Platz für die Nacht standen.
Riesige Herden von Ziegen, Pferden, Kühen und Kamelen kreuzten unsere Wege.
Am Boden wuselte es von abermillionen von mongolischen Zwerghamstern, und gigantische Steinadler flogen über uns hinweg, wie in Deutschland Spatzen.
Ja, wir waren wirklich nie allein, und dass obwohl die Mongolei das am dünnsten besiedelte Gebiet der Erde* ist.

* auf den 1.564.120 km² gibt es nur gut 3 Mio Einwohner (dass heißt in der Mongolei leben mehr Pferde als Menschen)

Unser erster richtiger ‚Sightseeing Stop‘ war des Erdene Zuu, ca. 370km vor Ulaanbaatar.
Das älteste Buddhistische Kloster der Mongolei.
Errichtet wurde es 1586 aus den Steinen der alten Hauptstadt Karakorum.
Der Hauptstadt Dschingis Khans, die selbiger und seine Nachfolger im 13. Jahrhundert zum Mittelpunkt des Mongolenreiches machten.

Um das Kloster und dessen Umgebung in Ruhe erkunden zu können, beschlossen wir für zwei Nächte in einem ‚Ger Camp‘ unterzukommen.
Einer Art Gästehaus, in welchem man aber nicht in normalen Zimmern, sondern in traditionellen Jurten schläft.
Ein mongolischer Zeltplatz also.

In einer Jurte zu übernachten stand ganz oben auf unserer ‚Must-Do’ Liste in der Mongolei und so fanden wir die ganze Sache ziemlich cool und aufregend.
Außerdem freute sich Andi schon wie ein kleiner Junge darauf, abends mit dem Kaminofen, welcher in der Mitte der Behausung steht, einheizen zu können.

Als es also langsam dunkel und kalt wurde, begannen wir das Feuer zu schüren.
Streng nach Vorschrift und unter Aufsicht der Ger Camp Besitzerin, welche es anscheinend gewohnt war, dass Touris es von ihr entzünden ließen.
Zufrieden nickte sie als es brannte und versicherte Glut und Kohle im Ofen würden die Jurte nun bis morgens warm halten.

‚So ein Feuer gibt einfach eine schönere Wärme ab, als unsere Standheizung‘ waren da noch meine Worte…
…eine halbe Stunde später saßen wir beide, in der Unterhose, mit allen Vieren von uns gestreckt, auf den Betten.
Die Tür der Jurte war, trotz der Minusgrade draußen, sperrangelweit offen.
Baku lag im Gras.
Innerhalb kürzester Zeit hatte sich unser ‚Zimmer‘ in eine regelrechte Sauna verwandelt.
Es wurde so heiß, dass uns der Schweiß in Strömen hinunterlief und es dauerte fast 4 Stunden bis es drinnen wieder einigermaßen erträglich war, wir die Tür schließen und endlich schlafen gehen konnten. 😀

Am nächsten Morgen, als wir unser traditionelles Frühstück im Ger Camp Restaurant zu uns nahmen, kam die Besitzerin an den Tisch und erkundigte sich ob wir eine angenehme Nacht gehabt hätten.
Wir bejahten dies, meinten allerdings, dass es doch ein wenig warm gewesen sei.
Sie grinste daraufhin, meinte ‚warm is good!‘ und erzählte, dass sie und viele andere Mongolen eigentlich nur im Sommer in den Jurten leben und für den Winter zurück in ihre Häuser zogen, weil es dort bei -45 Grad einfach wärmer und gemütlicher sei.

Gut gestärkt machten wir uns nach dem Frühstück auf Richtung Kloster, welches nur ein paar Minuten Fußweg entfernt lag.
Schon als wir am Vortag daran vorbei gefahren waren, waren wir beeindruckt von der Tempelanlage, welche von einer 400x400m langen Mauer mit insgesamt 108* Stupas (buddhistisches rundes turmähnliches Bauwerk) umzäunt ist.

*108 ist im Buddhismus eine magische Zahl und ist die Anzahl der Perlen des buddhistischen Rosenkranzes Mala

Dort angekommen wagten wir uns durch das riesige Tor und uns offenbarten sich die wunderschönen und farbenfrohen Tempelgebäude, welche den Kriegen und Zerstörungen der letzten Jahrhunderte getrotzt hatten.
Leider sind nur 4 der 62 Tempel, die in der 300jährigen Bauzeit errichteten wurden, heute noch erhalten.

Wir verbrachten einige Stunden auf dem Gelände, und betrachteten nicht nur die alten Gebäude und Statuen, sondern fanden in einem der Temple auch gläubige Mongolen an, welche Opfergaben in Form von Blumen und Kerzen darbrachten und Mönche, welche beteten und sangen.
Überall roch es nach Räucherstäbchen und Kinder liefen zwischen den Betenden hindurch und spielten.
Es herrschte eine sehr gelöste und entspannte Stimmung und trotz, dass wir ‚nur‘ Touristen waren, wurden wir von allen freundlich und offen empfangen.
Es war fast ein magisches Erlebnis, welches wir mit allen Sinnen wahrnehmen und aufsaugen konnten.

Nach zwei wunderschönen Tagen und schweißtreibenden Nächten in Karakorum und dem Erdene Zuu, ging es für uns dann aber wieder weiter.
Wir machten wir uns auf den Weg nach Ulaanbaatar, denn dort hatten wir die kommenden Tage so einiges vor…

2 Kommentare
  1. Andre says:

    Glückwunsch Ihr Beiden!!! Am Ziel des Weges, obwohl der Weg das Ziel war und das habet Ihr wirklich toll hingekriegt. Danke für die genialen Berichte die uns hier den Alltag versüßet haben! Kommt bald wieder heim…oder doch nicht? Es soll Leute geben die da einfach hängen bleiben 🙂

    Antworten
    • Andi says:

      Danke Dir André und schön, dass wir dich etwas ablenken können!
      Ja so einfach ist das nicht…also das“ständig Wegbleiben“. Aber vielleicht finden wir noch einen Weg oder wer weiß…wer weiß schon was kommen mag 😉
      Das Leben steckt voller Überraschungen…gut ist das!

      Antworten

Dein Kommentar

Want to join the discussion?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.