Von Glückseligkeit und Zufriedenheit

– Andi`s View –

Es riecht nach Verwesung.

Blutige Fellhaufen. Ein Haufen folgt dem Nächsten und ziert den Straßenrand.

Es ist dreckig, stinkt und alles andere als ein schöner Anblick als wir die Stadtgrenze Ulan Bators passieren. Von Westen kommend durchqueren wir scheinbar das Fellproduktionsviertel der Stadt.

Wir fahren weiter und nach rund 15km kommen wir in eine Art Industriegebiet.

Auch nicht besser was wir hier sehen.

Mongolische Städte sind ja bekannt dafür, dass sie keinen Schönheitspreis gewinnen. Ehrlich gesagt hatte ich mir das aber doch etwas anders vorgestellt. Hatte uns die letzte Hauptstadt Astana doch sehr beeindruckt. Scheinbar erwartete ich das nun von Ulan Bator ebenso.

Die, wenn man es so nennen mag, Enttäuschung war doch relativ schnell vergessen, denn wir waren ja schließlich hier um einige Dinge zu erledigen.

Also keine Zeit für negative Gedanken…

Zum Beispiel wollten wir unser Visum auf 60 Tage verlängern. Das hatten wir ja bereits vergeblich in Ölgii, kurz nach Grenzübertritt, versucht. Wir wurden damals an die Hauptzentrale in Ulan Bator verwiesen, wo wir nun davorstanden.

Solche Behördengänge sind schon immer eine spezielle Sache, welche einen oft im Vorfeld beschäftigen. Sie gehören aber zum Reisealltag und je öfter man dieser Situation ausgesetzt ist, sei es an Grenzen, an Botschaften oder eben hier in einer Migrationsbehörde, desto souveräner wird man und desto gelassener geht man an die Sache ran.

Dennoch stellt man sich jedes Mal aufs Neue die Fragen:

„Klappt es oder klappt es nicht?“

„Müssen wir umplanen oder können wir alles so durchziehen, wie wir es uns gedacht haben?“

Am Ende war es dieses Mal mehr als entspannt und unproblematisch. Wir hatten ein paar Formulare auszufüllen, bezahlten die Gebühr von 70€, warteten etwas über eine Stunde und hatten am Ende die entsprechenden Stempel in unseren Pässen.

Auch wenn dieses Mal alles gut lief. Auch wenn man solche Sachen mittlerweile gelassener als zu Beginn der Reise angeht. Es ist anstrengend, jedes Mal aufs Neue.

Es ist nicht wirklich körperlich anstrengend, sondern eher mentaler Natur. Man hofft so sehr, dass alles klappt wie man es sich vorstellt, sodass man irgendwie stetig unter Spannung steht. Jeden Moment könnte uns ein Stein in den Weg gelegt werden. In jeder Minute, in welcher man wartend auf Entscheidungen Anderer verbringt, überlegt man wie eine Alternative zum ursprünglichen Plan aussehen könnte.

Aber selbst wenn es schief geht, selbst wenn es auf die eine Art nicht klappen sollte…es gibt immer einen Plan B, Plan C oder auch Plan D, wenn es sein muss.

Das wissen wir mittlerweile. Das zu verinnerlichen ist jedoch nicht so leicht.

Schon irgendwie verrückt…

Neben der Visa-Verlängerung wollten wir in Ulan Bator noch eine Werkstatt aufsuchen. Geronimo machte sich auf dem Weg hierher bemerkbar. Ein seltsames Geräusch kam aus dem Motorraum. Eigentlich war ich mir sicher, dass es von der Lichtmaschine kommen muss und vermutlich mit defekten Lagern derselbigen zu tun hat. Mit Gewissheit konnte ich es aber nicht sagen geschweige denn selbst beheben. Auch die Bremse machte uns einige Schwierigkeiten. Bei jedem Bremsen lenkte Geronimo stark nach rechts.

Abgenutzte Bremsbeläge?

Schwergängige Bremskolben?

Wir wollten auf Nummer sicher gehen. Gerade weil wir vor haben die Gobi zu durchqueren. Da wollen wir uns auf die Technik verlassen können!

Ein fachkundiger Check durch einen Mechaniker sollte uns dabei helfen.

Eine Werkstatt im Westen der Stadt war schnell ausfindig gemacht. Es wurde Deutsch gesprochen (In der Mongolei Deutsch sprechende Mongolen zu treffen ist nicht ungewöhnlich. Deutsch wird dort oft in Schulen als Wahlfach unterrichtet. Zirka 30.000 Mongolen sind der Sprache bereits mächtig.)

und so konnten wir ohne Probleme schildern was Geronimo vermutlich fehlte.

2 Nächte und 3 Tage verbrachten wir dort. Wir wurden mit typisch mongolischem Essen verköstigt, konnten die heiße Dusche der Werkstatt nutzen und bekamen neue Lager für die Lichtmaschine und eine „gängig-gemachte“ Bremse.

Das wahre Highlight des Werkstattbesuchs war aber weder die Reparatur an sich, noch die Welpen auf dem Vorhof (fast wäre es dieses Mal soweit gewesen, fast wären wir schwach geworden), sondern die Abende mit Bernard.

Ein Leben auf Reisen. Das ist es, wonach viele streben, wonach man als „Overlander“ ab und an einen Gedanken verschwendet.

Ist es möglich?

Lässt es sich realisieren?

Ja……und Berhard ist das beste Beispiel dafür…

Geboren in Madagaskar lebt er mittlerweile in der Schweiz.

Zumindest sein offizieller Wohnsitz befindet sich im französischen Teil.

Eigentlich ist er auf der ganzen Welt zu Hause.

Ob durch berufliche Beteiligung an Wasserprojekten des roten Kreuzes oder privat.

Er reist, und das sein ganzes Leben lang.

Dieses Mal sollte ihn sein Weg von Europa über Zentralasien, durch Südostasien bis nach Australien führen. Dort angekommen soll es dann weiter nach Nordamerika gehen.

Die Panamericana hat er im Sinn.

5 Jahre hat er für diesen Trip geplant. 8 Monate ist er bereits unterwegs.

Bevor es für ihn nach China geht, musste auch er das Ein oder Andere an seinem Fahrzeug reparieren lassen. Das ermöglichte unsere Zusammenkunft und machte den Werkstattbesuch für uns zu einer regelrechten „Märchenstunde“.

Eine wirklich sehr interessante Persönlichkeit!

Ein Mensch, der sehr viel zu erzählen hat. Ein Mensch, der sehr viel gesehen hat.

Ich würde fast sagen Einer, der die Welt besser kennt als die meisten Anderen.

Ein Mensch, der Einen inspirieren und zugleich faszinieren kann.

So schön und aufschlussreich können also Werkstattbesuche sein.

Wer hätte das gedacht…

Nun hatten wir also alles erledigt. Wir waren bereit für unseren Trip durch die Gobi.

Moment…ganz so schnell wollten wir uns dann doch nicht aus dem Staub machen.

Ulan Bator ist wie gesagt keine wirkliche Schönheit.

Das Chaos auf den Straßen, der Smog (Rund um die Stadt siedeln sich von Jahr zu Jahr mehr Jurten an. Warum? Hirten möchten ihren Kindern eine vernünftige Schulausbildung ermöglichen. Da sie aber nicht das Geld haben, um direkt in die Stadt zu ziehen, in ein solides Haus, schlagen sie ihre Jurte am Rande der Stadt auf. Je kälter es wird desto mehr wird geheizt. Völlig logisch. Die Jurten heizen dabei mit Öfen, welche mit reiner Kohle gespeist werden. Das legt einen Schleier aus schwarzem Rauch über die Stadt. Je mehr geheizt wird, desto schlimmer wird es. Uns wurde gesagt, es nimmt teilweise schon chinesische Zustände an. Um das Smog-Problem künftig etwas einzudämmen, wird es ab kommendem Jahr ein Gesetz geben, welches erlässt, dass das Heizen mit reiner Steinkohle verboten ist.), die Menschenmassen und die lieblosen Bauwerke machten uns die Stadt nicht wirklich sympathischer.

Dennoch nahmen wir uns einen Tag Zeit das Zentrum der Stadt, den Sukhbataar Park mit dem Dschingis Square und das Gandan-Kloster, mit der weltweit höchsten Indoor-Statue, zu besuchen.

All das war ja trotz der anfänglichen negativen Eindrücke ganz nett.

Vor allem aber der Besuch im Gandan-Kloster war besonders.

Das Monastry beherbergt wie gesagt die welthöchste Statue. Dabei handelt es sich um die Göttin Janraisig, welche laut Sanskrit für das universelle Mitgefühl steht.

Gläubige Buddhisten aus der ganzen Welt kommen an diesen Ort um der Göttin zu huldigen.

Die Aura eines solchen Ortes zu spüren. Gläubige Buddhisten bei ihren Praktiken zu beobachten, Mönchsgesängen zu lauschen…

…all das macht etwas in mir.

Ein besonderes Gefühl kommt auf. Obwohl ich weder praktiziere, noch an deren Gottheiten glaube…an solchen Orten (wie schon in Erdene Dsuu) durchdringt mich ein Gefühl voller Zufriedenheit und Glückseligkeit.

Schon irgendwie verrückt…

Ja im Ernst…das Monastry ist auf jeden Fall einen Besuch wert!

Am darauffolgenden Tag verließen wir die Stadt Richtung Südosten.

Auf einer gut ausgebauten Straße Richtung China hatte unser Trip durch die Territorien der Gobi begonnen.

Das erste Ziel sollte dabei das buddhistische Energiezentrum und Kloster Chamarin Chiid 45 km südöstlich von Sainshand sein.

Auf dem Weg dorthin besichtigten wir die weltgrößte Dschingis Khan Statue, welche etwa 50km außerhalb Ulan Bators liegt, und durchquerten den Gorkhi Terelj Nationalpark.

Muss man Beides nicht gesehen haben, aber wenn man schon mal in der Nähe ist…😉

Schon beeindruckender war da das eingangserwähnte Energiezentrum und Kloster Chamarin Chiid.

Ein sehr weitläufiges Areal mit einer Vielzahl an Tempeln und mit unterschiedlichster Glaubenssymbolik der Buddhisten mitten in Ost-Gobi.

Man sagt hier seien die Energien des buddhistischen Glaubens weltweit am stärksten.

Wie zufrieden und glückselig ich hier raus gegangen bin muss ich euch ja wohl nicht erläutern 😉

So…da sind wir nun…

…angekommen am östlichsten Punkt der Reise. Vorerst zumindest.

Festlegen wollen wir uns da noch nicht, denn wer kann schon wissen was kommt…

…dennoch, nun heißt es das erste Mal seit acht Monaten:

„Wir fahren in Richtung Westen.“

Vor uns liegt die komplette Gobi und wir wollen einmal quer durch.

Hunderte Kilometer unbefestigte Straße.

Hunderte Kilometer einfach Nichts.

Fragt uns nicht warum wir das machen!

Vielleicht einfach, um es gemacht zu haben.

Vielleicht einfach, weil wir abenteuerlustig sind.

Vielleicht auch, weil wir eine Herausforderung suchen.

Denn das ist der Trip mit Sicherheit.

Ein echtes Abenteuer.

Eine wahre Herausforderung für uns alle.

In diesem Sinne: „Challenge accepted!“

An dieser Stelle möchten wir dir Bernard eine ganz tolle und erlebnisreiche Reise wünschen!

Du bist ein toller Mensch!

Schaut doch mal auf seiner Seite vorbei…es lohnt sich!

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