Orient Express

– Andi`s View –

…zuvor mussten wir aber unbedingt unsere Dieselvorräte aufstocken.

Das erste Mal auf unsere Reise mussten wir uns richtig Gedanken darüber machen, wann und wo wir tanken können.

Denn wer nach Usbekistan mit dem eigenen Diesel-Fahrzeug reist, stellt sich einer echten Herausforderung. Usbekistan produziert keinen eigenen Diesel-Kraftstoff.

Warum?

In Usbekistan ist es sehr teuer ausländische Güter zu importieren. Die Einfuhrsteuer für Waren aus dem Ausland ist exorbitant hoch. Zumindest für Privatleute.

Zudem gibt es das usbekische Automobilwerk „UzAvtosanoat“, welches vor Jahren ein Abkommen mit dem amerikanischen General-Motors getroffen hat.

Die Folge:

General Motors hat das Monopol der Automobilherstellung in Usbekistan erhalten.

Chevrolet soweit das Auge reicht. Nur selten sieht man asiatische, gar europäische Fahrzeuge. Die Produktion beschränkt sich dabei klar auf Benzin-Motoren. So kommt es, dass die Produktion von Diesel nicht notwendig ist. Das bisschen Diesel, was man für Baufahrzeuge und Agrarfahrzeuge benötigt, wird zum Großteil aus Russland importiert.

Es gibt also Diesel. Vereinzelt an kleinen Tankstellen und dank des relativ großen Schwarzmarkts ab und an abgefüllt in Flaschen am Supermarkt um die Ecke. Kommt dann die Zeit der Baumwollernte (Hauptexport Usbekistans; Erntezeit: September) wird es umso schwieriger an Diesel zu kommen, denn selbst wenn sich etwas findet, bekommt man es als Tourist nicht. Es ist für Vater Staat reserviert.

In weiser Voraussicht füllten wir also unsere Dieseltanks in Osh und begaben uns an die Grenze.

Wie immer mussten wir zu allererst zur Personenkontrolle. Nur dieses Mal standen geschätzt 50 bis 60 Menschen, alles Frauen in traditionellen Kleidern, vor uns in der Reihe.

Wir hatten Samstag und in Osh gibt es einen regional bekannten Markt, welcher jedes Wochenende stattfindet. Usbeken aus dem Grenzgebiet passieren dazu früh morgens die Grenze um Käse, Fleisch, Gemüse und Obst aus eigener Produktion im kirgisischen Osh zu verkaufen. Nach erfolgreichen Geschäften heißt es dann gegen späten Nachmittag wieder zurück in die Heimat.

Wir stellten uns schon auf ein längeres Prozedere ein.

Es war stickig, warm und sehr laut. Der Tag auf dem Markt schien, den Gesprächen nach, sehr ereignisreich gewesen zu sein.

Plötzlich, inmitten des organisierten Chaos, packte uns eine der Frauen am Arm und zerrte uns vor an den Schalter.

„Turist, pereyti k“ wiederholte sie ständig, was so viel wie „geh nach vorn Ausländer“ heißen dürfte. +

Auch die restlichen Frauen lächelten uns an, winkten uns nach vorne und machten irgendwie einen sehr freundlichen, gut gewillten Eindruck auf uns.

Das kenne ich von Behördengängen bei uns irgendwie anders. Da bekommt man schon böse Blicke zugeworfen, wenn die gezogene Nummer aufgerufen wird. Vermutlich aus Neid oder so.

Trotz der freundlichen Blicke war es uns dennoch etwas unangenehm. Warum sollten wir als Ausländer hier Privilegien bekommen, zumal wir diejenigen sind, welche Zeit haben und keine Kinder zu Hause haben, welche auf uns warten?!

Verkehrte Welt…

Dank der Marktdamen hatten wir in Nullkommanichts die Personenkontrolle hinter uns und es ging weiter zum Zoll.

„Die durchsuchen alles…euer Handy, die Laptops, räumen alle Schränke aus und stellen das ganze Auto auf den Kopf. Wenn ihr eine Drohne habt, seid ihr eh am Arsch. Die zerstören sie und machen euch komplett nieder…“

Das oder so ähnlich war es, was wir nun schon von einigen Overlandern gehört hatten.

Na dann, auf in die Schlacht…

Der Zollbeamte kam, ich öffnete schon einmal die Schiebetür.

Und wie sollte es anders sein, steckte Baku schwanzwedelnd seine Schnauze aus der Tür.

„Oh, big dog. Beautiful dog.“

„Look!“

„I have German sheppard. Two oft hem…“

Und ehe wir uns versahen diskutierten wir über Hundefutter, Hundespielzeug und präsentierten stolz unsere Hundekommandos bzw. die Hunde taten es. Aus der Grenzkontrolle wurde so eine Art Hundespielstunde, die Formalien wurden nebenher geklärt und das Wesentliche hatten die Grenzer schon lange aus den Augen verloren.

Nach insgesamt 1 Stunde waren wir durch. Hatten viel Gelacht und hätten mal wieder alles erdenkliche über die Grenze schmuggeln können.

So, und nun mal ehrlich, was wisst ihr denn über ein Land wie Usbekistan?

Wahrscheinlich genauso wenig wie wir oder besser gesagt wie ich, denn Sabi ist ja unser Tour-Operator und ist meistens bestens informiert 😉

Aber dennoch hatten wir dieses Mal einen Plan. Alles war sehr durchorganisiert.

Von Tashkent über Samarkand nach Buchara sollte es gehen…

Route Usbekistan

– Geronimo alias der Orient Express –

Die orientalische Kultur, Lebensweise und persische Architektur kennenlernen. Das war es, worauf wir uns dieses Mal eingestellt hatten. Das war es, worauf wir uns freuten. Dieses Mal Städte anstelle von Natur.

Aber irgendwie hatten wir auch keine andere Wahl. Selbst wenn wir die usbekischen Nationalparks kennenlernen hätten wollen, wäre es so einfach nicht möglich gewesen.

Warum?

Wer in Usbekistan bspw. Naturschutzgebiete besichtigen möchte, braucht dafür spezielle Genehmigungen.

Man könnte ja eigentlich meinen das spielt nicht so die Rolle, denn „in Zentralasien sind Regeln meist dazu gemacht, um gebrochen zu werden“.

Was will man also mit einer solchen Genehmigung?

Hier in Usbekistan scheint das anders zu laufen. Wer gesetzeswidrig handelt, wird auf´s Höchste bestraft. Etwas, was wir nicht herausfinden bzw. ausprobieren wollten.

Unser Plan stand fest und außerdem findet man hier in Usbekistan nichts, was wir an Natur-Highlights nicht schon gesehen hätten. 😉

Dennoch, sich nicht unbegrenzt frei bewegen zu können ist etwas, was mir nicht wirklich gefällt und was den Besuch in Usbekistan mit negativen Erinnerungen behaften könnte.

Was übrigens auch für diese Registrierungs-Sache hier gilt.

Man ist hier verpflichtet spätestens jeden 3. Tag eine Registrierung vorzunehmen.

Vater Staat will also ganz genau wissen, wo man ist. Mag sein, dass der Tourismus hier noch relativ jung ist und man daher genauestens über den Verbleib der Touristen Bescheid wissen will. Oder vielleicht hat es auch einen anderen Grund.

Wie auch immer…es ist wie es ist.

Wer also in Usbekistan reist, sollte sich im Klaren darüber sein, dass nur die ersten 72 Stunden seiner Anwesenheit registrierungsfrei sind. Ab dann heißt es, man muss sich spätestens jeden dritten Tag registrieren lassen.

Als Reisender mit dem Rucksack ist das kein Problem, denn die Eintragungen übernehmen Hostels und Hotels für einen. Dafür erhält man kleine weiße abgestempelte Zettelchen, welche man bei der Ausreise vorzeigen muss. Hat man diese nicht, oder fehlen welche, hat man mit Strafen im 4-stelligen Dollar Bereich zu rechnen.

Für uns bedeutete das also Hostels anzusteuern und dort zu nächtigen bzw. wie wir es meist machten, auf dem Parkplatz davorstehen, die sanitären Einrichtungen des Hostels nutzen und in Geronimo schlafen. Die Registrierung war es, welche wir brauchten.

Das war das erste Mal auf unserer 15-monatigen Reise, das war das erste Land, wo man ganz klar politische Regulierungen/Einflüsse spürte.

Eine für mich sehr interessante Erfahrung und hier sicherlich bei weitem noch nicht so ausgeprägt wie wo anders auf der Erde. Dennoch ist es ein bedrückendes, freiheitsberaubendes Gefühl. Dieses Gefühl war so stark, dass ich mir innerlich immer wieder vorsagen musste:

„Das Volk ist nicht der Staat!“

Hätte ich das nicht getan, würde ich meine Eindrücke und die daraus resultierende Gefühle auf Andere, auf Usbeken des „Alltags“ übertragen.

Die können nun wirklich nichts dafür und nette Menschen haben wir viele während unserer Route durch Usbekistan kennengelernt.

Versteht mich bitte nicht falsch! Alles in allem hat uns Usbekistan gut gefallen. Auch mir, der hier diesen pessimistischen Blogbeitrag schreibt.

Neben interessanten Begegnungen durften wir das orientalische Basar-Getümmel kennenlernen, konnten dort unser Verhandlungsgeschick beweisen (vielleicht auch nicht :D) und erkundeten geschichtsträchtige und atemberaubende Bauwerke.

Das war super!

Doch ich schreibe hier so, ja man kann sagen ein bisschen nörgelnd, da ich es eben so empfunden habe.

Wie gesagt, das Volk ist nicht der Staat! Je klarer ich mir das vor Augen führe, desto besser hat mir die Zeit in Usbekistan gefallen.

Und wer weiß, vielleicht war Usbekistan für mich die Vorschule, was mein Verständnis, meine Gefühle hinsichtlich eines Landes mit starken politischen Einflüssen angeht.

Es war eine super Zeit, interessant und ich freue mich schon den Iran kennenzulernen…

Tashkent

Samarkand

Buchara

*Noch ein Tipp:

In Usbekistan an Bargeld zu kommen ist auch so eine Sache.

Die Inflationsrate ist mit um die 18% astronomisch.

Daher sieht man vor den Geldautomaten meist paarweise Leute stehen, welche mit mehreren Bankkarten so viel Geld wie möglich aus den Automaten ziehen.

Mit ausländischen Bankkarten oder Kreditkarten kann man meist nichts am Automaten abheben. Und wenn doch, dann sind diese meist eben leer.

Das gilt für die öffentlichen Banken und deren Automaten. Als Tourist sollte man die Geldautomaten in der Lobby großer Hotels nutzen. Das klappt meistens. Usbekische So`m werdet ihr aber auch hier nicht bekommen. Meistens läuft es auf US-Dollar hinaus, welche man dann an öffentlichen Wechselstuben tauschen kann.

Für 1€ bekommt man aktuell 9.420 So`m.

Wer nach einem besseren Wechselkurs sucht, sollte in der Nähe von öffentlichen Plätzen oder Basaren nach den entsprechenden Leuten Ausschau halten. Es wird nicht lange dauern bis man euch anspricht und mit Geldbündeln in der Hand herwinkt.

Ja es gibt einen Schwarzmarkt für das Geldwechseln und ja, man bekommt verglichen mit den offiziellen Wechselkursen ein gutes Angebot. Offiziell ist es in Usbekistan natürlich verboten, vorbeigehende Polizei interessiert das aber nicht wirklich. Es wird geduldet.

Am Ende liegt es bei einem selbst, ob man es mit dem eigenen Gewissen vereinbaren kann. Wahrscheinlich schon, denn ihr seid Menschen und Menschen sind meist auf den eigenen Vorteil aus.

Nicht böse gemeint! Wir haben das ja auch gemacht…

2 Kommentare
  1. Andre says:

    Unfassbar schön diese Bauwerke! Das ist Persien wie ich es mir so erträumt habe! Schade das die Politik dort schwierig ist.

    Antworten
    • Andi says:

      Wie genau es da politisch abläuft können wir und wollen wir nicht sagen, aber das sollte dich auch nicht daran hindern das Land zu bereisen 😉

      Antworten

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