Auf den zweiten Blick

– Andi`s View –

Es ist etwas Zeit vergangen seit unserem letzten Beitrag. Ehrlich gesagt haben wir das ein bisschen schleifen lassen.

Es gab aber einen guten Grund.

Wir hatten Besuch aus Deutschland. Robert, ein sehr guter Freund von uns, hatte sich kurzfristig dazu entschlossen uns in Georgien zu besuchen.

Aber dazu später mehr…

Wir hatten also den Zagar Pass relativ gut überstanden. Ganz spurlos ging das Ganze allerdings nicht an uns vorbei. Wir waren geschafft und sehr erleichtert als wir nach 3 Tagen wieder etwas Zivilisation um uns hatten als wir Zageri erreichten.

Nervlich hatte es uns doch schon sehr mitgenommen und am Ende war es den ganzen Stress eigentlich nicht Wert für das, was man zu sehen bekam. Aber es hat uns wieder einmal gezeigt, dass Sabi und ich ein gutes Team sind. Sogar in Stresssituationen ergänzen wir uns gut. Klar keift man sich mal an, man steht ja schließlich unter Spannung, aber wir verlieren nie das Ziel aus den Augen und packen es gemeinsam an. Das ist auf einer solchen Reise sehr wichtig und zeigt mir, dass ich die richtige Partnerin habe. Vorerst wir es jedoch der letzte Pass gewesen sein, welchen wir gefahren sind. Darüber waren wir uns sicher.

Naja, für den Moment auf jeden Fall…

Auch Geronimo hat ein paar Blessuren davongetragen. Eine Radkappe hat er verloren, ein paar Kratzer im Lack bekommen und ein Scheinwerferglas ist in die Brüche gegangen. Noch in Deutschland hätte ich mich über solche Dinge sehr geärgert, mittlerweile sehe ich das aber anders.

Es sind nur materielle Dinge, welche jederzeit ersetzt werden können.

Dies und die Tatsache, dass nicht alles perfekt sein muss, sind zwei Erkenntnisse, welche sich im Laufe der Reise nun schon öfter bei mir bemerkbar gemacht haben. Geronimo mit nur einem Scheinwerfer. In meiner perfektionistischen Welt zurück in Deutschland war das ein absolutes „No-Go“. Im Hier und Jetzt ein Umstand, welcher keine Rolle spielt. Uns geht es gut, das ist was zählt!

Übrigens eine Veränderung in meinem Leben, welche das Selbige irgendwie angenehmer gestaltet.

So nun weiter im Kontext…

Kurz nach dem Verlassen des Zagar Passes erreichte uns die Nachricht, dass Robert spontan für 2 Wochen vorbei kommen möchte. Robert ist ein langjähriger Freund von uns, hat uns beim Ausbau von Geronimo geholfen und ist immer da, wenn man ihn braucht. Auf ihn ist Verlass und das schätzen wir sehr an ihm! Demnach freuten wir uns sehr, ihn bald wieder in unsere Arme schließen zu können.

Wir machten uns daher auf den Weg nach Tiflis. Von Zageri ging es über Kutaissi, an der *Kazchi-Säule und Gori vorbei bis wir Tiflis erreichten.

Bevor Robert´s Flug landete hatten wir noch 3 Tage Zeit uns mit Tiflis vertraut zu machen. Wir besichtigten die Altstadt (alles sehr flüchtig denn es war einfach zu heiß und außerdem hatten wir ja auch vor mit Robert Tiflis zu besichtigen), machten uns mit georgischen Leckereien vertraut und verbrachten viel Zeit am Tiflis-Reservoir. Ein künstlich angelegter Wasserspeicher im Osten der Stadt. Auf Grund der Temperaturen (40 Grad im Schatten) suchten wir und vor allem Baku im Wasser etwas Abkühlung. Direkt am Ufer schlugen wir auch unser Nachtlager auf bis es dann endlich soweit war und wir Robert abholen konnten.

*Seit 40 Jahren lebt dort ein Mönch in einem Kloster. Erbaut auf einer Kalksteinsäule in 40 Metern Höhe in der Region Imeretien im Westen Georgiens.

Ehrlich gesagt hatte ich ja etwas Bedenken.

Robert frisch aus dem deutschen Alltag gerissen trifft auf zwei doch mittlerweile sehr entschleunigte Langzeitreisende.

Ob das gut gehen mag?!

Naja, er hatte keine andere Wahl. Er musste schließlich mit uns klarkommen 😉

Gegen 23 Uhr landete sein Flieger und wir verbrachten die erste Nacht erneut am Tiflis-Reservoir. Am darauffolgenden Tag machten wir uns umgehend auf den Weg Richtung Norden. Die georgische Heerstraße entlang.

Sabi und ich hatten uns natürlich im Vorfeld etwas Gedanken gemacht, was Robert gut gefallen könnte. Da er sehr anspruchslos zu sein schien und eher der Naturbursche ist konnte man mit einem Trip in die unberührte Natur Georgiens nichts falsch machen. Davon waren wir überzeugt. Unser erstes Ziel sollte daher Truso Valley lauten. Etwa 130 Kilometer von Tiflis entfernt.

Ein sehr beliebtes Domizil unter Wanderern und Backpackern. Südlich von Stepanzminda fährt man die Heerstraße ab, verlässt die geteerte Fahrbahn und biegt ein in ein Tal, das nach und nach immer schöner und faszinierender wird. Folgt man dem Tal bis an sein Ende, das dürften etwa 30 Kilometer sein, so erreicht man früher oder später die Grenze Südossetiens.

Hier im Truso Valley wurde vor nicht all zu langer Zeit der Südossetien-Konflikt ausgetragen. Russen und Osseten kämpften hier vor etwa 10 Jahren gegen die Georgier. Am Ende waren die Georgier hier siegreich und vertrieben den Widerstand aus diesem Tal. Daher findet man hier auch einiges an verlassen Gebäuden, welche einst den Osseten gehörten.

Wir waren uns nicht sicher wie weit wir das Tal mit Geronimo befahren können. Wir wollten es einfach versuchen soweit es ging.

Die Strecke brachte ein paar kleinere Wasserdurchfahrten mit sich und war fahrtechnisch anspruchsvoll. Wir hatten jedoch schon Schlimmeres gehabt. Dennoch hatten wir die 3 Tage am Zagar Pas immer noch im Hinterkopf. Robert zuliebe wollten wir es aber versuchen.

Nach etwa 4 Kilometer kamen wir an einer Brücke an.

Ein einbetonierter LKW-Anhänger kurz vor einem kleinen Ort namens Kvemo Okrokaner. Vertrauenswürdig sah anders aus und demnach waren wir uns nicht sicher, ob die Brücke eine Überfahrt überstehen würde.

Auf unsere Uferseite stand bereits ein andere Overlander. Ein alter Feuerwehrtruck umfunktioniert zum Expeditionsfahrzeug.

Und wie das so ist kam man schnell ins Gespräch und Ted, der Fahrer des Trucks, meinte die Überfahrt sei kein Problem. Er habe zuvor „a really big truck“ darüber fahren sehen. Auch Maike, seine Freundin, versicherte uns, dass dieser Truck wirklich existiert habe.

Denn wer weiß?!

Ein Holländer, ein paar Bierchen intus und die Lunte in der Hand…kann sein, dass da etwas Fantasie mit im Spiel war 😉

Nach einer netten Unterhaltung vergewisserten Robert und ich uns nochmals persönlich über die Tragfähigkeiten der Brücke. Wir waren uns einig. Sie trägt uns.

Langsam und vorsichtig rollten wir mit den Vorderreifen darauf zu. Die ersten Meter waren geschafft.

Es knarzte , machte aber dennoch einen stabilen Eindruck.

Möglichst zügig versuchten wir den Rest der Brücke zu überqueren.

Am Ende war es auch kein Problem. Aber wer weiß das schon im Voraus.

Die Straße wurde schmäler und es ging 4 Kilometer weiter voran bevor das Tal dann wieder breiter wurde.

Endlich zeigte es seine volle Pracht zeigte.

Hier hatten wir unser Ende erreicht. Zumindest trauten wir Geronimo die weitere Strecke nicht zu. Aber das machte nichts denn mit dem Platz, welchen wir hier gefunden hatten, waren wir sehr zufrieden. Blühende Wiesen, ab und an zerpflückt von einem Landstrich bestehend aus Mineralgesteinen (hierfür ist Truso Valley unter anderem bekannt) und thermalen Quellen, umschlossen von schroffen aber auch weich erscheinend bewachsenen Bergen. Einfach perfekt um hier ein paar Tage zu verbringen.

So der Plan. Aber wie das eben so ist ändern sich Pläne ständig.

Noch in der Nacht fing es an zu regnen und zu gewittern.

Ihr wisst ja…in den Bergen kann so etwas schnell gehen und extreme Ausmaße annehmen. Es hörte einfach nicht auf.

Auch am darauffolgenden Tag regnete es weiter. Es war irgendwie auch keine Besserung in Sicht. Der Wetterbericht sagte von einem auf den anderen Tag etwas völlig anderes. Es sollte regnen. Die kommenden 4 Tage.

Die Straße bzw. der Feldweg wurde komplett unterspült, der Fluss stieg an. Daher entschlossen wir gemeinsam unsere Sachen wieder zusammenzupacken und das Tal zu verlassen solange es für uns noch möglich war. Zu tief die Erinnerung an den Zagar Pass, zu groß die Angst hier ungewollte ein paar Tage festzusitzen.

3 Stunden später hatten wir das Tal wieder verlassen. Traurig darüber einen solchen Spot verlassen zu müssen, aber erleichtert es ohne Vorkommnisse geschafft zu haben. Ein weiterer Tag regen und wir wären vermutlich Stecken geblieben und ohne fremde Hilfe nicht mehr herausgekommen. Bei dem Wetter und in dieser Gegend kann das sicherlich ein paar Tage dauern bis Hilfe auftaucht.

Wie auch immer…

Die Entscheidung war richtig und wir waren nun auf dem Weg weiter Richtung Norden. Ziel war es nun Stepanzminda anzufahren um die Dreifaltigkeitskirche Gergetis Sameb zu besichtigen. Eines der Wahrzeichen Georgiens.

Auf Grund des anhaltenden Regens war die Straße dorthin für uns aber leider nicht passierbar und wir suchten uns etwas abseits von Stepanzminda einen Stellplatz.

3 Tage und 2 Nächte warteten wir ab, damit sich das Wetter bessert. Der Regen ließ nach. Allerdings sank auch die Temperatur auf 10 Grad. Die Laune war entsprechend und am 3 Tag entschlossen wir uns dazu die Berge zu verlassen und wieder zurück in tiefere Gebiete zu fahren.

Zunächst wieder die Heerstraße Richtung Süden fahrend machten wir uns dann auf Richtung Westen.

Wir hangelten uns an etlichen Flussufern entlang, verbrachten 2 Nächte am Zhinvali Resservoir bis wir dann den Tusheti Nationalpark erreichten. Eigentlich hatten wir uns nur an die Grenze des Parks gewagt. Die Passstraße soll nämlich eine der gefährlichsten Straßen der Welt sein. Das wollten wir uns nicht antun. Zudem sei es mit unserem Fahrzeug, laut Aussage etlicher Georgier, auch nicht möglich diesen Pass zu fahren.

Für uns war die Straße hier zu Ende. Das muss man akzeptieren. Zudem hatten wir direkt am Alasani (Fluss, welcher aus dem Tusheti Nationalpark fließt) einen traumhaften Spot gefunden.

Wir verbrachten dort 4 Nächte, angelten, sammelten Feuerholz, bauten Feuerstellen, backten Brot und erkundeten die Umgebung. Robert bekam das volle Outdoor-Programm und wir hatten den Eindruck, er hat die Zeit sehr genossen.

Ja, dieser Spot bot uns einiges und brachte uns einiges an Erkenntnissen.

Könnt ihr euch noch an unsere Sichtweise gegenüber den Georgiern aus unserem letzten Beitrag erinnern?

Sie sind, nun ja… wesentlich grimmiger, kühler, als die Türken.
Wir wurden plötzlich von niemanden mehr freundlich gegrüßt.
Keiner brachte uns mehr Leckereien ans Auto, war neugierig wo wir her kamen oder lud uns auf ein Glas Tee ein.
Kurz gesagt, wir scheinen den Georgiern wohl ziemlich egal zu sein.

Dadurch, dass der Spot am Alasani River ein beliebter und gut besuchter Picknick-Ort der Einheimischen ist, konnten wir in den Genuss der georgischen Gastfreundschaft gekommen. Denn wir wurden eingeladen zu Speis und Trank. Das nicht nur einmal sondern so gut wie jeden Tag.

Dabei haben wir nicht nur die georgische Küche und Trinkgewohnheiten kennengelernt , sondern uns wurde aus erster Hand erklärt warum wir kein Lächeln erwidert bekommen. Das war es, was uns zu Beginn in Georgien sehr beschäftigt hatte.

Georgier und Russen öffnen sich nur vertrauten Personen. Ein Lachen ist eine vertraute und persönliche Angelegenheit. Fremden gegenüber ein Lächeln zu schenken demnach nicht üblich. Für uns Europäer ist so etwas „unvorstellbar“.

Jemand, der nicht zurücklacht ist in unseren Augen unfreundlich. Hier ist das eben nicht so.

Einer der wesentlichsten sozialen Unterschiede zwischen West und Ost. Eine interessante und wichtige Erkenntnis, welche ich zwar persönlich nicht nachvollziehen kann, aber respektieren muss. Wichtig ist, dass wir diesen kulturellen Unterschied live erfahren durften und die Reaktion einiger Menschen hier nun verstehen.

Sofern wir an einen Tisch eingeladen wurden merkte man auch sofort die Herzlichkeit der Menschen und spürte ihre Gastfreundschaft. Eben etwas anders als zuvor in der Türkei, da zunächst eine Art Barriere überwunden werden muss, ist das aber geschehen, stehen sich beide Länder ins nichts nach.

Wir verbrachten also am Alasani eine super Zeit und lernten tolle Menschen kennen.

Wo wir gerade von tollen Menschen sprechen.

Ted und Maike verbrachten hier auch ein paar Tage. Ein sehr sympathisches Pärchen aus Utrecht, welche für 6 Monate unterwegs sind um ihren gerade fertig ausgebauten Truck ausgiebig zu testen und welche wir zuvor im Truso Valley getroffen hatten.

Ihr erinnert euch? Joints und Heineken…:D

Für mich natürlich eine super Gelegenheit ein paar Bierchen zu zischen und Ted über seinen Mercedes Truck auszufragen.

Auch gemeinsames Grillen und am Lagerfeuer sitzen war angesagt. Einfach ein paar amüsante Abende gemeinsam unter Overlandern verbringen.

Man tauscht sich aus und gibt sich Tipps.

Das ist es, was uns besonders viel gibt. Von Erfahrungen Anderer zu hören, um sich später dann selbst ein Bild davon zu machen.

Sehr spannend und interessant wie unterschiedlich Wahrnehmung und Empfinden bei Menschen sein können!

Leider mussten wir uns dann nach 4 Nächten schon wieder auf den Weg nach Tiflis machen, da Robert´s Zeit bei uns ja leider begrenzt war und auf ihn ein gebuchtes Hotelzimmer wartete.

Letzter Stop für ihn…Sightseeing in Tiflis. 3 Tage und 2 Nächte hatten wir uns dafür vorgenommen.

Stadt-Chaos, Smog und Halli Galli…das jetzt nach derartig schöner Natur?!

Ob das die richtige Entscheidung war?

Wir werden es sehen…

An dieser Stelle möchten wir dir nochmal danken, Robert!

Danken dafür, dass du uns besucht hast (das bedeutet uns sehr viel!), danke für deine Mitbringsel (vor allem das Pfisterbrot😉) und danke, dass du uns nimmst wie wir sind.

Meine Bedenken, welche ich zu Beginn hatte, dich aus dem Alltag zu reissen und mit uns in einen Bus zu stecken, waren völlig unbegründet.

Du bist wie ein Chamäleon 😉

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